Uwe Andree - Künstler und Transylvanier


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Zeugen des Handwerks

:: Transsylvania

Der Handwerker ist auch im Harbachtal stets ein aktiver Faktor gewesen und hat Werte geschaffen, die Traditionen auslösten, die auch heute noch im Leben des Volkes gültig sind.

Alte Urkunden und Chroniken gestatten Einblick und Rückschlüsse, was die Organisationsform und das Wirken der Zünfte anbelangt.

Die an kriegerischen Ausseinandersetzungen so überaus reichen Zeitläufe - beginnend mit dem 14. Jahrhundert - sind die Türkeneinfälle; für Jahrhunderte eine gewohnte Erscheinung - sie haben, genauso wie die vielen Brände, welche zeitweilig ganze Ortschaften einäscherten, große Verluste an Archivmaterialien zur Folge gehabt.

Zweifellos haben die nach Handwerken organisierten Zünfte viel früher als sie heute urkundlich nachweisbar sind, auch in Agnetheln und Umgebung zu wirken begonnen.

Eine Folge von Totalverlusten an Zunftladen in Agnetheln sind die großen Brände in dem damaligen Marktflecken, zu Beginn und um die Mitte des 19. Jahrhunderts.

Alle Laden der Agnethler Zünfte datieren aus dieser Zeit; doch an Zunftzeichen und Zunftsiegeln haben wir Exemplare, die auf das 15. und 16.Jahrhundert zurückgehen.

Grossschenk konnte Zunftladen aus dem17. Jahrhundert in die Gegenwart hinüberretten, von denen insbesondere die der Wagner aus dem Jahre1653 künstlerisch sehr wertvoll ist. Es schmücken sie Schnitzereien in Basrelief, allegorische Figuren darstellend, bunt gefärbt, während auf dem Deckel das Stuhlswappen (der Auerochsen-Kopf) engeschnitzt wurde.

Eine wertvolle Bereicherung der Agnethler Zunfturkunden brachte im Jahre 1959 die zufällige Entdeckung eines sinnvoll in der Zunftlade der Schuster aus Agnetheln angebrachten Versteckes, welchem wir wertvolle Zeitdokumente dieser hier stärksten Zunft, zurückgehend bis auf das 15. Jahrhundert, entnehmen konnten.

Der überaus reiche Bestand an Agnethler Zunfturkunden befindet sich heute im Staatsarchiv; er ist für den Forscher eine überaus ergiebige Quelle, eine fast unerschöpfliche Fundgrube für den Nachweis, wie in dem damaligen Marktflecken Agnetheln die Zünfte als "Amt", als Regulator in der Preisgestaltung, als Kontrollorgan, welches in vielfacher Hinsicht die Obrigkeit sich zu unterstellen verstand und dann als Darlehensquelle für Zunftmitglieder das öffentliche Leben beeinflußten, darüber hinaus auch im Leben des Stuhles ein Machtfaktor waren, der nicht zu übersehen war.

Ein geflügeltes Wort, welches bis jüngst verbreitet war, lautet: "As Zechmister hot mi Kraft wä der Bezirksrichter!"

Die weitaus zahlreichste Zunft war die der Schuster, aus welcher sich dann Mitte des 19. Jahrhunderts die der Gerber herausbildete. Starke Zünfte bildeten die Schneider, Wagner, Böttcher und Töpfer.

Sie hatten weitgehende Verpflichtungen auch in der Verteidigung, gegen die äusseren Feinde.

Aus Mangel an Zunftdokumenten ist bis vor noch kurzer Zeit die Rekonstitution des Zunftlebens in einer Vielzahl der Ortschaften des Harbachtals fast unmöglich gewesen, es fanden sich bloß Erzeugnisse zünftig organisierter Dorfmeister, meist Töpfer - vor.

Doch hat die Auswertung der in diesem Landstrich etwa zu Beginn des 17. Jahrhunderts angelegten kirchlichen Matrikeln - anfangs in lateinischer Sprache geführt - überraschende Ergebnisse gezeitigt.

Für den Stuhlsvorort Leschkirch konnte z.B. das Bestehen einer starken, angesehenen Töpferzunft nachgewiesen werden; in den Gemeinden des ehemals Leschkircher Stuhls Marpod, Alzen, Kirchberg und Holzmengen konnten wir auf diesem Wege gleichfalls Generationen zünftig organisierter Handwerker nachweisen, die ihren Jahresgulden teils nach Leschkirch, teils an die Zünfte in Hermannstadt abführten.

Die Bekoktener, Mergelner, Roselner Handwerker gehörten den Agnethler Zünften an, sofern sie nicht das Wagnerhandwerk betrieben, die Henndorfer Handwerker haben ihren Jahresgulden an die Schässburger Zünfte abgestattet, da Henndorf, Neithausen und Neustadt, trotzdem sie jehnseits der Harbach/Schaserbach - Wasserscheide lagen, dem Schässburger Stuhl unterstanden.

Daß auch die wenig zahlreichen Agnethler Intellektuellen von den Zünften abhängig waren, erfahren wir aus Zunftakten, deren Kopisten die Schulmeister waren, die auch in Grossschenk als Zunftschreiber sich zusätzliche Einnahmen zu ihrem kargen Lohn verdienten.

Der erste uns namentlich bekannte Agnethler Schulmeister ("ludimagister ) ist Franciscus Henrici Prostorffensis, welcher 1651 die Statuten der Agnethler Kürschiner abschrieb.

Auch alte Ried- und Flurnamen in Agnetheln weisen auf Zunftbesitz in: ehemalige Fischteiche und Weiher, Schmiede-Steg, Töpferloch, Liu- Homm, der Ort, wo die Schuster und Gerber sich die Eichenrinde zur Herstellung der Gerberlohe besorgten, usw.

Die Agnethler Zünfte haben einen umfangreichen Briefwechsel geführt; räumlich weit entfernte Orte, wie z. B. Enyetten (Aiud) haben durch ihre Zünfte während des 17. Jahrhunderts in Preisgestaltungsfragen enge Verbindung unterhalten.

Prozesse, die zeitweilig Jahrzehnte andauerten, recht kostspielig waren, wurden mit Zünften anderer Städte und Märkte geführt, wobei meist der "Stand" der betreffenden Zunft, an bevorrechteter Stelle, nach einer festgesetzten Rangordnung das Streitobjekt bildeten. Broos, Reussmarkt, Birthälm, Schässburg appellieren für ihre Einkünfte an die festgesetzten Stellen, fechten die bevorrechtete Stellung der Agnethler an.

Viele von der "Wanderschaft" heimkehrende Gesellen hatten in der Fremde, beginnend von der Mitte des 19. Jahrhunderts die Kraft des organisierten Arbeiters kennengelernt und wollten nicht nur die neuen technischen Methoden in der alten Heimat in die Tat umgesetzt sehen, sondern bäumten sich auch gegen die Bevormundung der "Gesellenväter" in den "Bruderschaften" der Zünfte auf. Die Zunftprotokolle zeigen auf, wie sich der eigenwillig-fortschrittliche Geselle dann einer starren Mauer von Misstrauen und Unverständnis gegenüber sah, wenn er sich nicht der herkömmlichen, patriarchalischen Ordnung beugte, wie er ausgeschlossen ward und abwandern musste.

Die Zunftsältesten wurden von den Hintermännern dirigiert, den Inhabern der grossen Werkstätten, denen sich im Marktflecken niemand entgegenzustellen wagte, weil jede Opposition ein Entgegenstellen zur "geheiligten" Ordnung bedeutete.

Der Geist der Engherzigkeit und Ausschließung, Mißbräuche und Vetternwirtschaft brachten den Zünften argen Verruf und es wurde immer offenbarer, dass sie nur zur Zeit ihres ersten Wirkens bis zur Blütezeit fortschrittsbedingt waren.

Die Agnethler Handwerkstraditionen der Schuster und Gerber werden in unseren Tagen durch die Leder- und Schuhfabrik und die Handwerkergenossenschaft "Înainte" fortgesetzt.

Dr. Erhard Andree, Museumsleiter
(Artikel, erschienen in der "Volkszeitung" Nr. X/603, v. 04.01.1966)

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